| Erschienen
in:
Mitteilungsblatt des Museumsverbandes für Niedersachsen und
Bremen Nr. 65, Juli 2004, S. 39-44. |
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| Ausstellungsnische
in der Museumsdiele, Ausschnitt |
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| Darstellung
der historischen Strohverarbeitung, Strohhülsenherstellung |
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| Ausstellungsnische
in der Museumsdiele |
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| Ausstellungsnische
in der Museumsdiele, Detail |
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| Vorbereitung
des Strohs zur weiteren Verarbeitung |
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| Darstellung
von Gegenwart und Zukunft der Strohverarbeitung |
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Fotos:
Beate Bollmann, Oldenburg (1,3,4)
Walter Brackland, Bassum (2,5,6)
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"Stroh
im Land, Geld in der Hand"
Aufbau und Entwicklung des Museums der Strohverarbeitung Twistringen
Stroh gilt
als weitgehend wertloses Abfallprodukt der Landwirtschaft. Oft verwenden
wir den Begriff in einem negativen Zusammenhang und sprechen etwa von
"strohdumm" oder "Strohkopf". In der Stadt Twistringen
hat das Wort "Stroh" jedoch einen ganz anderen Klang: Es steht
für die fast 300jährige Geschichte der erfolgreichen "Vermarktung"
eines gar nicht so wertlosen Rohstoffes. Ihrer Darstellung widmet sich
seit 1996 das dortige "Museum der Strohverarbeitung". Es präsentiert
die historische und zeitgenössische Entwicklung der vor Ort ansässigen
strohverarbeitenden Industrie mit ihren wirtschaftlichen, sozialen und
naturräumlichen Voraussetzungen und Auswirkungen.
Strohverarbeitung
in Twistringen
Im frühen 18. Jahrhundert begannen die Twistringer, aus dem reichlich
vorhandenen Roggenstroh Geflechte und Hüte zu fertigen. Die Voraussetzungen
waren hier besonders gut, denn in dieser Gegend wuchs der Roggen aufgrund
des Lössbodens sehr hoch. Die Wachstumsknoten der Halme lagen oft
bis zu 45 cm auseinander. Die langen Zwischenstücke ließen
sich gut zu Geflechten verarbeiten. Twistringen entwickelte sich sehr
bald zum wichtigsten Produktionsstandort in Norddeutschland. Um 1830 waren
hier 800 bis 1.000 Menschen mit der Herstellung von Strohgeflechten für
die Hüte beschäftigt - die meisten von ihnen in Heimarbeit.
Als jedoch
im späteren 19. Jahrhundert die Konkurrenz durch billige Strohgeflechte
aus Asien zu groß wurde, entwickelten die Twistringer weitere Produkte
aus Stroh. Sie begannen mit der Produktion von Flaschenhülsen als
Verpackungsmaterial für Glas. Schon 1895 schätzte man die jährliche
Gesamtproduktion auf 120 Millionen Flaschenhülsen, für die 200.000
Zentner Roggenstroh benötigt wurden. Im 20. Jahrhundert waren die
Twistringer Hersteller von Flaschenhülsen in Deutschland führend.
Auch mit einem weiteren neuen Produkt, dem Trinkhalm aus Stroh, hatten
die Twistringer Firmen schnell Erfolg. Allein im Jahr 1935 fertigten sie
ca. 200 Millionen Trinkhalme.
Erst in den
1960er Jahren setzte der Niedergang der strohverarbeitenden Industrie
ein. Zum einen wurde der Rohstoff Stroh durch neue Materialien - vor allem
Kunststoff - ersetzt, zum anderen wurde durch den zunehmenden Einsatz
von Mähdreschern das unversehrte Roggenstroh knapp, das für
die Strohprodukte erforderlich war, und schließlich wies der neu
gezüchtete Hybridroggen längst nicht mehr die erforderliche
Halmlänge auf.
Dennoch kam
die Strohverarbeitung nicht ganz zum Erliegen. Bis heute verarbeiten noch
einige Firmen in Twistringen Kurzstroh und andere Naturfasern z.B. in
Ummäntelungen von Dränagerohren und zu Isolier- und Erosionsschutzmatten.
Stroh zählt heute zu den nachwachsenden Rohstoffen, für die
in den letzten Jahren immer neue Verwendungsmöglichkeiten entwickelt
wurden.
Auf-
und Ausbau des Museums
Seit den 1980er Jahren befasste sich der Heimat- und Bürgerverein
Twistringen mit der Absicht, eine Heimatstube zum Thema "Heimarbeit
in der Strohverarbeitung" einzurichten. Die 1990 im Kreismuseum Syke
gezeigte Ausstellung "Unser Stroh in alle Welt" verdeutlichte
jedoch den Umfang und die Bedeutung dieses Thema für Twistringen.
Daher entschloss sich der Verein, ein Museum einzurichten, das die Strohverarbeitung
in ihrer Gesamtheit von den Anfängen bis in die Gegenwart vorstellen
sollte.
Im Oktober 1992 wurde der "Förderverein Museum der Strohverarbeitung
Twistringen e.V." als Träger des zukünftigen Museums gegründet.
Schon kurze Zeit später konnte der Verein eine Scheune erwerben,
die bis dahin zur Lagerung und Verarbeitung von Stroh gedient hatte. Mit
Hilfe von Fördermitteln, Spenden und sehr viel ehrenamtlicher Arbeit
der Vereinsmit-glieder begann 1993 der Ausbau des Gebäudes in vier
Bauabschnitten. Der rustikale Charakter des Gebäudes wurde dabei
in der Auswahl der Materialien und in der Farbgebung berücksichtigt.
Zugleich entstand jedoch ein funktionales modernes Gebäude. Parallel
dazu konnte der Verein rasch einen Bestand an historischen Maschinen,
Geräten, Arbeitszubehör und anderen Zeugnissen aus den ehemaligen
strohverarbeitenden Betrieben des Ortes zusammentragen.
Das Museum
umfasst heute rund 850 qm Gesamtfläche, zu der eine zentrale "Museumsdiele"
mit Ausstellungsnischen, zwei weitere Ausstellungsräume, ein Scheunentrakt
sowie Werkstatt- und Lagerräume, Büro, Küche, Sanitärräume,
Foyer und im Obergeschoss zwei Sonderausstellungsräume gehören.
Der letzte Bauabschnitt - der Ausbau des Obergeschosses - wurde im Oktober
2003 fertig gestellt. Doch schon 1996 waren die ersten Räume im Erdge-schoss
soweit gediehen, dass eine provisorische Einrichtung der Dauerausstellung
und eine Teileröffnung des Museums erfolgen konnten. Bereits zwei
Jahre später waren alle Ausstellungsräume für das Publikum
zugänglich. Seit 1998 stand die Verfasserin dem Museum bei der Konzeption
und Gestaltung der endgültigen Dauerausstellung zur Seite, die 2001
bis 2003 in drei Teilabschnitten eröffnet wurde.
Ausstellungskonzept
und Umsetzung
Die Konzeption der Dauerausstellung verfolgte zwei Ziele: Zunächst
sollte die Ausstellung durch Texttafeln und Objektbeschriftungen für
(Einzel-) Besucher inhaltlich zugänglich gemacht werden. Denn bis
dahin wurden alle Besucher des Museums von ehrenamtlich tätigen Mitgliedern
des Fördervereins durch das Museum geführt. Auch wenn durch
die persönliche Vermittlung viel Wissen und Erfahrung auf eine sehr
individuelle und unmittelbare Weise weitergegeben werden konnte, war doch
absehbar, dass die Ehrenamtlichen bei der ständig wachsenden Zahl
der Besucher diesen Einsatz nicht auf Dauer leisten konnten.
Darüber hinaus sollte die Ausstellung ein stringentes, inhaltlich
und didaktisch fundiertes Konzept bekommen, um dem Museum in der niedersächsischen
Museumslandschaft ein eigenständiges Profil zu geben. Das Museum
sollte daher nicht nur die historische Entwicklung darstellen, sondern
am Beispiel des Strohs zugleich die Bedeutung nachwachsender Rohstoffe
und deren zukünftig denkbare Nutzungen verdeutlichen. Das Museum
versteht sich also auch als ein Vermittler zwischen Ideen der Vergangenheit
und Projekten der Zukunft zur Förderung einer "Nachhaltigen
Entwicklung".
Ausstellungsnischen
Der Ausstellungsrundgang beginnt mit den vier großen Ausstellungsnischen
in der Museumsdiele. Sie stimmen den Besucher auf das Thema "Stroh"
ein und vermitteln die Hintergründe für die Entwicklung der
Strohindustrie in Twistringen - die naturräumlichen Bedingungen,
die besonderen Eigenschaften dieses Rohstoffes und die sozialen und wirtschaftlichen
Voraussetzungen vor Ort. Da es für diese Themen nur wenige dreidimensionale
historische Objekte gab, wurden für Texte, Fotos und Karten verschiedene
Präsentationsformen gewählt und durch Hand-on-Angebote ergänzt:
So gelangen die Besucher durch umklappen, aufziehen, anfassen, fühlen,
ausprobieren und vergleichen an die Informationen.
Vor der Fertigstellung des Sonderausstellungsraumes war es notwendig,
die Nischen zwischenzeitlich immer wieder auszuräumen, um Platz für
andere Ausstellung zu schaffen. Damit dies relativ einfach möglich
war, besteht die Einrichtung der Nischen aus variabel einsetzbaren Holzelementen
mit geraden oder schrägen Oberflächen, die sich durch Plexiglaseinsätze
in Vitrinen bzw. Pultvitrinen umwandeln lassen.
Historischen
Strohverarbeitung
Die Darstellung der historischen Strohbe- und -verarbeitung beginnt in
dem als Scheune belassenen Teil des Gebäudes. Entsprechend dem Charakter
des Raumes werden hier spezielle Landmaschinen gezeigt, die bei der Mahd
und beim Dreschen des Roggens zum Einsatz kamen. Denn beides musste sehr
behutsam erfolgen, damit das Stroh unversehrt blieb. Im Mittelpunkt steht
als Blickfang die lebensgroße Figur eines Mannes, der das Stroh
zur weiteren Verarbeitung vorbereitet.
An den Scheunentrakt
schließt sich die Präsentation der Maschinen und Geräte
zur Herstellung der verschiedenen Strohprodukte - der Geflechte und Strohhüte,
der Flaschenhülsen und der Trinkhalme - an. Hier galt es zu beachten,
dass bei der Aufstellung der Maschinen genug Platz für die zahlenmäßig
oft großen Gruppen blieb - vor allem bei den praktischen Vorführungen
an den Hutnähmaschinen und den Flaschenhülsen-Nähmaschinen,
die regelmäßig zum Programm der Führungen gehören.
Das Konzept sah zunächst eine gewisse Beruhigung des sehr langen
und schmalen Ausstellungsraumes vor, der ursprünglich unter anderem
durch die Vielzahl an Objekten sehr unruhig wirkte. Durch Trennwände
wurde der Raum in einzelne Themeneinheiten untergliedert, denen die Objekte
und Texte zugeordnet wurden. Ein Teil der heutigen Strohhutproduktion
für den Museumsshop wurde in den benachbarten Werkstattraum ausgelagert,
um im Ausstellungsraum mehr Platz und Übersichtlichkeit zu schaffen.
Historische Fotos in Großformaten an den Trennwänden und auf
von der Decke hängenden Stoffbahnen sollten die einzelnen "Szenerien"
atmosphärisch beleben.
Gegenwart
und Zukunft
Am Ende des Rundgangs befindet sich unter der Überschrift "...
auf dem Weg in die Zukunft" die Darstellung von Gegenwart und Zukunft
der Strohverarbeitung. Sie beschäftigt sich mit der heutigen industriellen
Nutzung von Stroh und anderen nachwachsenden Rohstoffen. Der Inhalt und
die Themen in diesem Raum sind variabel gedacht, und es ist davon auszugehen,
dass hier zukünftig immer wieder neue Objekte aufgestellt werden.
Um diese Variabilität technisch zu ermöglichen und visuell zu
verdeutlichen, wurden die Texttafeln hier auf beweglichen Ständern
montiert. Darüber hinaus lassen sich die einzelnen Tafeln drehen.
Auf den Rückseiten sieht sich der Besucher mit auf Spiegelfolie aufgebrachten
Zitaten zum Thema Fortschritt konfrontiert. Ziel dieser Installationen
ist es, den Besucher auf sich selbst und seinen Ideenreichtum als wesentliche
Quelle für neue Produktideen zurückzuverweisen.
Texte
Eine wesentliche Neuerung in der Ausstellung sind die kombinierten Text-
und Fototafeln, die der Graphiker Holger Kerkhoff aus Schüttorf gestaltet
hat, sowie einzelne Objektbeschriftungen. Das Layout der Tafeln ist in
seiner Grundanlage einheitlich, variiert jedoch in den Details je nach
dem Ausstellungsthema. In den Ausstellungsnischen, in denen zweidimensionale
Objekte überwiegen, treten die Tafeln durch kräftigere Farben
deutlicher hervor. Der Einsatz von Farbe, Abbildungen und Hintergrundelementen
ist hier stärker variiert. Bei der Darstellung der historischen Strohverarbeitung
sind die Tafeln dagegen farblich zurückgenommen, um nicht in Konkurrenz
zu den ausgestellten Objekten zu treten. Die Tafeln zu Gegenwart und Zukunft
der Strohverarbeitung sind schließlich in der Gestaltung und Farbauswahl
sachlicher gehalten, um darin den auf Technik ausgerichteten Texten zu
entsprechen.
Museumsbetrieb
Seit 1996 öffnet das Museum sonnabends von 14 bis 18 Uhr. An den
übrigen Wochentagen ist es für Gruppen nach vorheriger Anmeldung
zugänglich. An Sonntagen bleibt es geschlossen. Gruppen gehören
zu den wesentlichen Besuchern des Museums. Sie werden auf Wunsch in der
Museumsdiele mit Kaffee und Kuchen bewirtet. Durch dieses Angebot sowie
durch den Verkauf selbst hergestellter Strohprodukte im Foyer des Museums
finanziert das Museum seine laufenden Kosten. Bewirtung und Führungen,
Organisations- und Planungsarbeit sowie die Herstellung von Verkaufsartikeln
aus Stroh und die Arbeiten zur Instandhaltung des Gebäudes werden
auf ehrenamtlicher Basis durchgeführt. Insgesamt 38 ehrenamtliche
Helferinnen und Helfer beteiligen sich heute an diesen Aufgaben.
Von etwa 800
Personen im Jahr 1996 steigerte sich die Zahl der Besucher kontinuierlich
auf rund 10.000 im Jahre 2003. Die positive Resonanz lässt sich auch
im Besucherbuch erkennen, wo sich die Besucher nicht nur in Wortspielen
- "Wo man so viel über Stroh erfährt, bleibt niemand 'strohdumm'!"
- weiter mit dem Thema beschäftigen.
Perspektiven
Nach Fertigstellung der Räumlichkeiten und der Dauerausstellung möchte
sich das Museum in Zukunft verstärkt mit Fragen der nachhaltigen
Entwicklung und der Nutzung nachwach-sender Rohstoffe auseinandersetzen.
Denkbar wäre etwa eine Vernetzung mit anderen regionalen Projekten
und Partnern, für die das Museum mit seiner Museumsdiele als Treffpunkt
und Veranstaltungsort - z.B. für Gesprächskreise, Vorträge,
Diskussionen, Lesungen, Symposien oder Fortbildungen zu diesen Themen
- fungieren könnte. Auch das große Außengelände
ließe sich in diesem Zusammenhang nutzen. Der Sonderausstellungs-raum
im Obergeschoß bietet darüber hinaus Platz für wechselnde
Ausstellungen zu diesem Themenbereich.
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